Willkommen im Blog von faircustomer.ch





Vom Labeldschungel, in dem sich selbst Fachleute verlaufen können …

Beim Einkaufen begegnen wir immer mehr bunten Bildchen, die uns darauf hinweisen, dass Produkte ohne künstliche Inhaltsstoffe, waldelfinfreundlich, glutenfrei, vegan, in der Schweiz hergestellt, bei Kindern besonders beliebt (weil mindestens zur Hälfte aus Zucker) oder eben auch aus fairem Handel sind.

Zu einigen der Fairtrade-Labels habe ich ja schon einmal etwas geschrieben, heute machte mich ein Kommentar auf einen Beitrag zum Blogkarneval über fairen Handel aufmerksam, in dem selbst ein Kaffeefachmann sich in dem Dschungel aus bunten Bildchen verläuft.

Gemeint ist Hans Langenbahn in seinem Kaffeeblog. Er beklagt in seinem Beitrag die nach seiner Ansicht fehlende Qualität der meisten Kaffees mit dem Bio- oder Fairtradesiegel. Qualität sei auch kein Kriterium für die Zertifizierung, auf der ganzen Homepage von Transfair tauche das Wort so gut wie nie auf.

“Einer der für mich größten Widersprüche, und damit einer meiner wesentlichen Kritikpunkte an TransFair, ist die fehlende Verlinkung von Fairem Handel und Qualität, oder besser, Qualitätsstanddards. … Warum soll ein Produzent/Exporteur, so frage ich mich, sich um eine bessere Qualität bemühen und in qualitätsverbessernde Maßnahmen investieren, wenn er unabhängig davon eine Preisgarantie hat? …

Was ich, um es noch ein Mal pointierter zu formulieren, bei TransFair vermisse, ist die explizite Forderung nach Produktqualität resp. nach der Einhaltung von Qualitätskriterien. Aus der Perspektive des Verbrauchers sehe ich darin ein inakzeptables Versäumnis.”

Aus seiner Sicht kann ich die Forderung nach Qualität verstehen, er ist ein Kaffeehändler, der sich in der Nische der Spitzenkaffees eingerichtet hat und für den die Qualität ein absolut wichtiges Thema ist. Dennoch verkennt er den Sinn des Fairtrade Labels. Das Ziel des fairen Handels ist nicht die Herstellung von Spitzenprodukten, die in Spezialitätengeschäften angeboten werden können. Im Zentrum des fairen Handels stehen die Produzenten, die Menschen, die die Bananen, den Kaffee, das Zuckerrohr oder den Reis anbauen:

“Der Faire Handel unterstützt Produzentinnen und Produzenten in den Entwicklungsländern, um ihnen eine menschenwürdige Existenz aus eigener Kraft zu ermöglichen. Durch gerechtere Handelsbeziehungen sollen die Lebensbedingungen der Menschen in den Ländern des Südens verbessert, die Binnenwirtschaft gestärkt und langfristig ungerechte Weltwirtschaftsstrukturen abgebaut werden. Zum Beispiel decken die festgelegten Mindestpreise und Aufschläge die Produktionskosten und sichern das absolute Existenzminimum. Darüber hinaus kann auch in eine nachhaltige Zukunft investiert werden.” (von der Transfair-Webseite)

Es geht um die Frage, ob der Produzent der Banane mit der ich meine Kinder zur Schule schicke, es sich leisten kann, seinen Kindern ein Frühstück zu geben und es sich leisten kann zum Arzt zu gehen, wenn er krank ist. Und das sollen nicht nur die Produzenten von irgendwelchen Spitzenkaffees dürfen, sondern auch die , die den Kaffee für Aldi, Lidl und Co produzieren. Das langfristige Ziel muss es sein, dass alle Produkte, die hier bei uns angeboten werden diesen Standards ensprechen, der Gedanke der Gerechtigkeit darf nicht nur ein Luxusattribut bei wenigen ausgesuchten Premiumprodukten sein.

Hans selbst ist Mitglied von UTZ CERTIFIED, einer weiteren Labelling Organisation, die es im Kaffeemarkt gibt. Zugegebenermassen taucht das Wort “Qualität” immer wieder auf der Homepage dieser Labellingorganisation auf. Es wird offenbar auch darauf geachtet, dass die Kinder der Landarbeiter Zugang zu Schulen haben und es eine Krankenversorgung gibt und nationale Arbeitsgesetze eingehalten werden.  Wer sich damit auskennt weiss, dass die gesetzlichen Mindestlöhne in vielen Ländern viel zu niedrig angesetzt sind, dass ungerechte Verteilung des Landbesitzes in vielen Ländern Menschen in der Armutsfalle hält, die Schwankungen des Weltmarktpreises für Kaffee Existenzen vernichten kann, alles Themen, die UTZ nicht adressiert. Wem es um Menschen und nicht um Kaffeebohnen geht, für den ist das UTZ-Label damit nicht genug, denn es garantiert nicht, dass die Lebensbedingungen der Arbeiter auf den Kaffeeplantagen und der Kleinbauern sich langfristig verbessern.

Und da ist UTZ auf seiner Homepage auch offen. Über den Unterschied zwischen UTZ und dem Fairtradelabel steht dort zu lesen:

“Fairtrade is a poverty reduction program that invites consumers to choose Fairtrade-labelled products and actively participate in social and environmental improvements by paying a premium price. The price paid by consumers for Fairtrade coffee goes to disadvantaged farmers to make them more prosperous.

Market statistics show that the majority of consumers and companies are not willing to make this active contribution.”(UTZ Homepage “Questions”)

The UTZ CERTIFIED program helps growers become more professional and competitive . With an UTZ certification, coffee farmers of all sizes can demonstrate good agricultural practices, efficient farming methods and responsible production of their coffee. (UTZ Homepage “Questions”)

The price for UTZ-certified coffee is determined in the negotiation process between buyer and seller. UTZ CERTIFIED does not interfere in these negotiations.

UTZ ist damit ein hübsches Bildchen auf einer Kaffeeverpackung, das den Kunden Qualiät und Seriosität garantiert ohne die Beteilgten in letzter Konsequenz in die Pflicht zu nehmen auf die Menschen zu schauen, die diesen Kaffee angebaut, geerntet und getrocknet haben.

Hans, bitte schau Dir noch einmal an, wie Du auf Deiner Homepage wirbst: Die

“fine coffee company hat sich entschlossen, nicht nur ausgezeichnete Produkte anzubieten, sondern auch zu garantieren, dass diese auf verantwortungsvolle und nachhaltige Weise produziert sind. Soziale Verantwortung ist für (uns) von grundlegender Bedeutung. Die Mitgliedschaft bei UTZ CERTIFIED ist eine wichtige Maßnahme, soziale Verantwortung zu realisieren.”

Sorry Hans, persönlich nehme ich Dir das Engagement ab, aber dennoch grenzt das an Irreführung von Kunden, weil es nahelegt, UTZ sei ein Fairtradelabel. UTZ ist sicher schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung, aber leider nicht weit genug gesprungen, wenn es Dir wirklich um mehr Gerechtigkeit geht!

(Mehr zu den verschiedenen Labels im Kaffeemarkt bei utopia)

Und noch etwas Hans, ich stimme Dir nicht wirklich zu, es gibt durchaus wunderbare Spitzenkaffees, die auch noch unter fairen Bedingungen angebaut wurden (und einige davon werden wir demnächst hier bei uns anbieten). Aber dass es so wenige sind, liegt auch an denen, die die Spitzenkaffees verkaufen! Du beschreibst sehr blumig und verlockend die Geschmacksrichtungen Deiner Kaffees, verwende doch auch bitte einen Satz auf die Bedingungen unter denen sie konkret entstanden sind, unterstütze die Produzenten darin das Fairtradelabel zu erlangen, nimm Einfluss auf UTZ, den Arbeitern wirklich existenzsicherned Löhne zu garantieren und soziale Probleme nachhaltig zu beseitigen…

Tags: ,

5 Antworten zu “Vom Labeldschungel, in dem sich selbst Fachleute verlaufen können …”

  1. Dominik sagt:

    Eben, FairTrade hat leider nicht wirklich etwas mit Qualitätssteigerung zu tun. Höchstens der Steigerung der inneren Produktqualität durch faire Handelsbedingungen. Nicht aber im sensorischen Sinne.

  2. Amei sagt:

    @ Dominik:Das stimmt. Qualität und faire Abeitsbedingungen haben nicht automatisch etwas miteinander zu tun obwohl nach meiner Erfahrung die Qualität der Produkte aus fairem Handel schon besser ist, als die durchschnittliche Supermarktware. Und zumindest im Kunsthandwerk ist ein Trend zu echten Premiumprodukten deutlich.
    Wie ist es beim Wein, gibt es Spitzenweine, die noch dazu unter fairen Bedingungen angebaut wurden?

  3. Dominik sagt:

    Ich finde die Qualität der Fairtrade-Produkte aus eigener Erfahrung auch sehr gut und besser als die vieler durchschnittlicher Supermarktartikel. Leider kam ich noch nicht dazu die Fairtrade-Weine zu verkosten. Morgen aber. Ich bin auch schon gespannt auf die Qualität der Tropfen ;-) We’ll see.

  4. Reto sagt:

    Schöne Replik, Amei. Bin gespannt, ob und wie der Hans reagiert.

  5. Amei sagt:

    Danke Reto, war irgendwie offenbar ein streitbarer Sonntagmorgen ;-)

Hinterlasse eine Antwort

Powered by WordPress ( WordPress Deutschland )