Fairer Handel – was ist wirklich fair?
Wie gehen wir mit dem Begriff um, welche Messlatte legen wir als Faircustomer an? Der Blogkarneval von Christof Harrach und die fairen Wochen vom 15.-28. September ist ein willkommener Anlass, endlich einmal einige Gedanken und Eindrücke zu diesem Thema aufzuschreiben und zu begründen, warum wir gerade keine abschliessende Definition verwenden wollen sondern uns daran halten, was Ursula Brunner (hier mit Bild und hier im Film) immer wieder sagt: “Fairer Handel ist ein Prozess. Das Ringen um den richtigen Weg und die Arbeit für mehr Gerechtigkeit in der Welt wird nie zuende gehen.”
Fairer Handel – der Begriff wird von vielen Firmen und Organisationen benutzt, von einigen missbraucht und von anderen missverstanden: “Fairer Handel” ist kein geschützter Begriff und so gibt es auch eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen und Verfahrensweisen.
Am bekanntesten ist inzwischen das Logo der Fair Trade Labelling Organisation (FLO) zu der auch die Schweizer Stiftung Max Havelaar gehört.
FLO zertifiziert Kleinbauern und Betriebe mit Angestellten nach unterschiedlichen Kriterienkatalogen in denen nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch der Einsatz von Düngern und Pflanzenschutzmitteln genau geregelt ist. Die Produzenten erhalten einen garantierten Mindestpreis und eine zusätzliche Fairtradeprämie, um Gemeinschaftsprojekte wie Schulen, Brunnen, Krankenstationen u.ä. zu finanzieren.
FLO Zertifizierungen gibt es nur für insgesamt 15 landwirtschaftliche Produkte.
Eine weitere internationale Organisation ist die IFAT,
ein Zusammenschluss von Produzenten und Händlern aus aller Welt, deren Kriterienkatalog nicht produktbezogen, sondern am Verhalten und der Zielsetzung des Mitglieds ausgerichtet ist. Entsprechend bunt ist das Produktspektrum, es reicht von Bananen und Zucker über Kunsthandwerk aus aller Welt bis hin zu fair und organisch hergestellter Babywäsche.
In der Schweiz haben sich verschiedene Organisationen im Jahr 2001 auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt und die “Grundsätze des fairen Handels” des Schweizer Forums fairer Handel veröffentlicht.
Die Nachfolgeorganisation, Swiss Fair Trade ist gerade dabei, diese sehr allgemein gehaltenen Grundsätze zu spezifizieren und Kontrollmechanismen einzuführen.
Und dann kommen natürlich noch zahllose Labels und Normen (Rainforest Alliance, SA8000, EUREGAP, forlife, Gots, ILO….). Es ist unglaublich schwierig den Überblick zu behalten, zu unterschiedlich sind die Anforderungen, die Herangehensweisen, die Verhältnisse in verschiedenen Branchen, Ländern und Märkten.
Je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr Fragen tauchen auch auf:
- Was ist eigentlich mit Chiquita und deren von der Rainforest Alliance zertifizierten Banane. Ist das nun fairer Handel, wenn die Firma, die jahrzehntelang für Ausbeutung und Unterdrückungs stand auf ihren Plantagen ihren Arbeitern gewisse Grundbedürfnisse zugestehen?
- Was ist eigentlich ein gerechter Preis und was ein fairer Lohn? An wessen Lebensstandard messen wir das, an dem des Produzenten oder an unserem eigenen?
- Ist es fair und angemessen, wenn wir kleinen Produzenten die ganze Bürde, den ganzen Papierkrieg und die Kosten der Zertifizierung tragen lassen für etwas, was wir von ihm wissen wollen und ihm dann noch nicht einmal garantieren, dass er seine gesamte Ernte zu Fairtradepreisen verkaufen kann?
- Viele Organisationen haben sich die Förderung von bäuerlichen Kleinbetrieben auf die Fahnen geschrieben. Ist das nicht wieder eine Art Protektionismus für langfristig nicht überlebensfähige Betriebsformen oder ist es der notwendige Weg um eine weitere Abwanderung in die Städte und weitere Verarmung vorzubeugen?
- Wie kann es gelingen, die wirtschaftlichen Beziehungen wirklich nachhaltig zu gestalten und verhindern, dass ganze Landstriche wieder verarmen, weil sich bei uns der Modetrend verändert und niemand mehr einen Panamahut trägt?
- Ist nicht manches was wir machen nur wieder eine Art “Gutmenschenkolonialismus”? Wir zahlen den Produzenten nicht den gesamten Preis aus, sondern zwingen sie, die Fairtradeprämie für Gemeinschaftsprojekte auszugeben. Anscheinend wissen wir besser als sie, was gut für sie ist.
- Insgesamt ist der faire Handel nur ein kleiner Nischenmarkt. Was kann man in dieser Nische überhaupt erreichen, ist der Hebel wirklich groß genug um langfristig etwas zu verändern?
Alle diese und noch viel mehr Fragen haben ihre Berechtigung und werden diskutiert, auch im fairen Handel werden falsche Wege beschritten und Fehler gemacht. Die Verhältnisse in den verschiedenen Ländern und Märkten sind unglaublich komplex, der Königsweg ist nicht gefunden. Deshalb wollen wir als Faircustomer auch nicht entscheiden über richtig oder falsch, wir akzeptieren Händler aus allen diesen Organisationen und auch andere darüber hinaus, sie sollen nur glaubhaft schildern was sie tun und aus welchen Motiven heraus.
Eines gemeinsam haben sie aber alle: Sie haben sich auf den Weg gemacht um mehr Gerechtigkeit zu erreichen und es ist jetzt an uns, den Konsumenten, unseren Beitrag zu leisten. Wir tragen eine Mitverantwortung für die Armut in den Ländern des Südens und können durch bewusste Entscheidungen etwas verändern. Dabei ist der faire Handel ein Wegbereiter. Je mehr wir Kunden deutlich machen, dass wir Transparenz und Fairness wollen, desto mehr werden sich auch andere Firmen diesem Druck beugen und den Vorreitern im fairen Handel folgen.
Update 22.09.2008: Bei Karma Konsum gibt es einen Zwischenbericht, wer sich alles bisher an diesem Blogkarneval beteiligt hat, es ist eine echte Bandbreite zwischen denen, die lieber konsequent regional einkaufen über diejenigen, denen nach einem Besuch auf einer Kaffeeplantage in Südamerika der Kaffee nicht mehr schmeckt bis hin zu denen, die den fairen Handel schon fast als politsches Kampfmittel sehen. Also bei den Blogs wie im wirklichen Leben
Und für diejenigen, die mit dem Begriff Blogkarneval nichts anfangen können: Ein Blogger wirft ein Thema auf, zu dem andere Blogger in einer bestimmten Frist etwas schreiben können, wenn sie möchten. Die Beiträge werden zusammengetragen, manchmal bestimmte Aspekte noch weiter diskutiert. Warum Karneval? Vielleicht, weil die Ergebnisse manchmal sehr bunt werden?
Update 1.9.: In dem Karneval ist mir ein guter Beitrag begegnet, von jemandem, der sich ebenso in der Zwickmühle sieht, auch manchmal nicht weiss, welcher Honig denn nun besser ist, der vom Alpenbauern oder der aus der Fairtradekooperative…. Und ich stimme zu, in einer idealen Welt bräuchte es Firmen wie unsere nicht, wenn Faircustomer, Claro, El Puente und Max Havelaar ihre Sache richtig gut machen könnten, wären sie in 10 Jahren überflüssig….
Tags: fairer Handel, Fairtrade, FLO, Label, Ursula Brunner



27. September 2008 um 14:39
Hier einige Gedanken, die ich mir zum “FairTrade- Blogkarneval” gemacht habe: http://kaffee-blog.maskal.de/l.....er-wirkung
Hans
27. September 2008 um 23:58
Ich bin begeistert wie viele Informationen, und noch viel wichtiger, wieviel unterschiedliche Betrachtungswinkel, Meinungen & Anregungen ich, gerade die letzte Zeit zu dem Thema “Fair Trade” finde.
Von dem her, hat der “Blogkarneval” doch eine ganze Menge gebracht.
“Je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr Fragen tauchen auch auf”
In dem Punkt stimme ich zu 100 % zu – Das Thema ist sehr komplex.
An dieser Stelle ein FETTES DANKESCHÖN, gerade für den Fragenkatalog – Wieder mal neue Ansätze, die es wert sind, sich Gedanken zu machen.
Man lernt nie aus!
Wer sich für das Thema “Fair Trade” im Bereich Mode u. Textilien interessiert, den lade ich herzlich dazu ein folgenden Blog-Post zu besuchen:
http://www.mode-blog.eu/?p=26
In diesem Sinne
Grüße aus Köln
28. September 2008 um 09:51
[...] einigen der Fairtrade-Labels habe ich ja schon einmal etwas geschrieben, heute machte mich ein Kommentar auf einen Beitrag zum Blogkarneval über fairen Handel [...]
28. September 2008 um 10:11
@ Hans-Jürgen: Dein Beitrag hat bei mir einige streitbare Gedanken ausgelöst, auch wenn ich es grundsätzlich sehr positiv finde, dass fairer Handel für Dich als Kaffeehändler ein Thema ist. Mehr dazu unter http://blog.faircustomer.ch/?p=263
09. November 2008 um 23:58
[...] Beitrage: Fairer Handel. was ist wirklich fair? [...]
12. Januar 2009 um 22:17
Natürlich ist es für den Verbraucher nicht leicht zu entscheiden ob er mit dem Kauf eines fair gehandelten Artikels auch etwas gutes tut, aber ich denke, dass er sich darüber Gedanken macht und nicht das erst Beste oder Billigste Produkt kauft ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Wie man hier wieder lesen kann ist “green washing” sowieso nicht zu vermeiden und somit der gesunde Geist des Verantwortungsvollen Verbrauchers gefordert.
http://www.kress.de/cont/story.php?id=126028
13. Januar 2009 um 00:10
@ faireni: Da gebe ich Dir absolut recht. Es geht um Schritte in die richtige Richtung! Beim Kauf auf Fairness und Nachhaltigkeit zu achten ist sicher richtig!
Und auch wenn ich Dir Recht gebe, dass es in dem von Dir zitierten Link schon ein bisschen nach Greenwashing klingt, finde ich es dennoch gut, wenn auch und gerade die Industrie die ersten Schritte geht!
17. April 2009 um 17:40
God dag! Kan jag ladda ner en bild fran din blogg. Av sak med hanvisning till din webbplats!
18. April 2009 um 14:36
Unfortunately I do not speak swedish, but google translate helps to understand this:
Yes, do so,(if it is one of the pictures I have the copyright, but otherwise I indicated it). Will you send me the link? Thanks for asking!
06. Juli 2009 um 22:43
[...] Und dann zum Licht(fünkchen) im Labeldschungel des fairen Handels: [...]
18. März 2010 um 12:49
Natürlich ist es für den Verbraucher nicht leicht zu entscheiden ob er mit dem Kauf eines fair gehandelten Artikels auch etwas gutes tut, aber ich denke, dass er sich darüber Gedanken macht und nicht das erst Beste oder Billigste Produkt kauft ist schon ein Schritt in die richtige Richtung.