Angekündigt hatte ich die Messe nutec rund um das cradle to cradle Prinzip von Prof. Braungart und William MacDonough bereits und auch erklärt, worum es den beiden und inzwischen vielen anderen bei diesem Ansatz eigentlich geht.
Hat diese Idee in geschlossenen Stoffkreisläufen zu denken, schon bei der Produktion die spätere Wiederverwertbarkeit der eingesetzten Stoffe konsequent zu berücksichtigen tatsächlich das Potential zu einer neuen industriellen Revolution?
Die Neugierde und das Interesse an dem, was da ganz offenbar von der Öffentlichkeit unbemerkt in vielen Forschungslabors vor sich geht hat gesiegt, Faircustomer hatte einen Tag Pause von mir und ich war in Frankfurt.
Zunächst einmal, es war kein Publikumsrenner: die Messe blieb von der Öffentlichkeit unbemerkt, es war eine Messe für Fachpublikum und das blieb weitgehend unter sich.
Aber das Fachpublikum und die Aussteller hätten fast nicht gemischter sein können. Nike (mit seinen reycelten Sportschuhen), große Entsorgungsfirmen wie Remondis oder van Gansenwinkel, der Sportartikelhersteller Trigema, die kleine Knopffirma aus Reutlingen, das Pharmaunternehmen Bionorica, eine Firma, die Wolle unschädlich gegen das Verfilzen behandeln kann und eine andere, die Kunstharze auf Pflanzenölbasis herstellt … Es waren die unterschiedlichsten Branchen mit ganz verschiedenen Lösungen.
Und was sie präsentierten war zwar zum Teil sehr technisch, aber hochspannend. Es gibt inzwischen Verfahren, alte Jeans in ihre Bestandteile zu zerlegen, aus den Fasern neuen Stoff zu weben und daraus hochwertige neue Jeans zu nähen. Es gibt Klebstoffe, mit denen man die Bestandteile von Autoinnenräumen miteinander verklebt und die sich auflösen, wenn man sie in ein Enzymbad steckt, dann hat man die Bestandteile sortenrein getrennt zur Wierderverwendung aufbereitet. Warum kann man nicht bei der Produktion der Plastikschale des Handies die Inhaltsstoffe so wählen, dass daraus im nächsten Leben ein Kinderspielzeug werden kann? Es gibt einen Fertighausbauer aus Österreich, der aus unbehandeltem Holz Häuser bauen kann, die allen Minergievorschriften genügen, die Wände sind mit Holzdübeln miteinander verbunden und es gibt garantiert keine Kleber, Lösungsmittel oder andere Chemikalien, die das Wohnklima beeinträchtigen (und beim Abbruch in 100 Jahren kein Entsorgungsproblem). Es gibt inzwischen Markerstoffe, die es ermöglichen, Stoffe beim Recycling wirklich sortenrein voneinander zu trennen, so dass die Skijacken aus der Altkleidersammlung problemlos aussortiert und an den Hersteller zur Wiederverwendung zurückgegeben werden können. Klasse auch die amerikanische Firma, die Fotovoltaikpanels auf Kautschukdachziegel aufbringt, die man in der Farbe und Form jedem Dach anpassen kann. Die Ziegel entstehen aus alten Autoreifen und können auch als solche wiederverwendet werden, wenn sie nach 20 Jahren ihr Leben als Dachziegel beendet haben. Auffallend auch die vielen Entsorgungsfirmen, die die Abfälle offenbar immer mehr als wertvollen Rohstoff, denn als zu entsorgende Probleme sehen.
Und das war keine Clique in Ökolatschen, die sich da versammelte. Es waren Techniker, Wissenschaftler und vor allem viele Manager, die aus den unterschiedlichsten Gründen irgendwann aufgebrochen waren, ihre eigenen Produktionsweisen zu überdenken und zu hinterfragen.
Leider war nicht genügend Zeit, die zum Teil sehr spannenden Vorträge des Fachkongresses zu besuchen, stattdessen habe ich mit vielen Ausstellern gesprochen, versucht zu verstehen, was sie machen, wo sie stehen und mir ganz wichtig – warum sie es tun.
Und darauf gab es die unterschiedlichsten Antworten: Es gibt (wenige?) Überzeugungstäter, die ausschliesslich aus eigener innerer Überzeugung nach anderen, weniger schädlichen Produktionswegen suchen. Viele Firmen wurden durch kühle Marktanalyse dazu gebracht, eine konsequente ökologische Ausrichtung als Nische für sich und ihre Produkte zu entdecken. Es gibt Hersteller, die sich für die Zukunft rüsten möchen, weil sie davon ausgehen, dass irgendwann viel strengere Auflagen kommen müssen und sie dafür parat sein möchten. Andere sind zu der Überzeugung gelangt, dass die Art, wie wir mit den Produkten verfahren wenn wir sie gebraucht haben, schlicht ökonomischer Wahnsinn ist. Und dann gibt es die Techniker, die einfach eine spannende Lösung entdeckt haben und nun einen Markt dafür suchen.
Einhellig haben sie aber alle die Erfahrung gemacht, dass wir als Kunden die Ökologie immer nur als zweites sehen, dass wir in unserem Anspruch an Qualität und Design kompromisslos und nicht bereit sind, ein ökologisch sinnvolles Produkt zu kaufen, wenn es weniger Tragekomfort hat oder unpraktischer ist. Daher ist es für sie alle die Herausforderung Produkte herzustellen, die qualitativ gleichwertig, im Preis konkurrenzfähig und noch dazu problemlos zu recyceln sind.
Aber an vielen Ecken hat man das geschafft oder ist kurz davor. Und das sorgte für ein Brummen im Raum, ein Glitzern in den Augen der meisten, ein einhelliges Gefühl “Wir sind dabei, wir haben schon angefangen und sind damit der Konkurrenz mehr als um Nasenlänge voraus, das Thema ist wichtig und in 10 Jahren in aller Munde”. Es herrschte eine Aufbruchs- und Gründerzeitstimmung, wie ich sie nicht erwartet hatte.
Die nächste industrielle Revolution? Nach den Eindrücken, die ich aus Frankfurt mitgenommen habe fange ich an, daran zu glauben. Es wird nicht über Nacht kommen, aber wir stehen am Beginn eines echten Umddenkens in der Industrie. Und wir als Konsumenten und Wähler können dazu beitragen diesen Prozess zu beschleunigen, indem wir nachfragen, einfordern, uns selbst informieren und andere aufklären.
Deshalb hier noch ein paar Quellen zum cradle to cradle Prinzip:
Hier im Blog, mit Verweisen zu Büchern und Artikeln
Parallel zur Messe ist ein neues Buch von Michael Braungart und William McDonough erschienen “Die nächste industrielle Revolution – Die Cradle to Cradle-Community” (Europäische Verlagsanstalt) in der viele Firmen und Konzepte vorgestellt werden, die auf der Messe vertreten waren.
Und Kai hat in einem Kommentar auf die tolle Zusammenstellung von Filmen über cradle to cradle hingewiesen, die sich bei Filme für die Erde findet. Insbesondere der niederländische Dokumentarfilm(engl.) waste = food ist sehenswert, ich glaube, dass das der Fim ist, der in den Niederlanden im Fernsehen lief und aus cradle to cradle dort fast eine Volksbewegung machte.
Vielleicht kommt Michael Braungart auch im nächsten Jahr zum oebu nach Zürich, es wird spannend, welche Diskussionen und welches Brummen dann hierzulande ausgelöst wird.
Und zum Abschluss noch ein paar weitere Bilder von der Messe in Frankfurt:
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Kameras drängen sich um Michael Braungart
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Michael Braungart bei der Eröffnungsansprache
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Beim Eröffnungsvortrag
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Blogger ohne Netz: Christoph Harrach von Karmakonsum
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der Eröffnungsvortrag wird gefilmt
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der Nike-Turnschuh, dessen Stossdämpfer in der Sohle aus recycelten Turnschuhen besteht (das Granulat rechts im Bild)
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Warum kann bei der Produktion der Handyschale nicht bereits geplant werden, dass aus dem Plastik im nächsten Leben ein Kinderspielzeug entsteht?
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einfach nur ein schönes Bild: so menschenleer war die Messe nicht wirklich, dies war noch ganz am Anfang der Messe, vor der eigentlichen Eröffnung
.Update30.11.08: Offenbar bin ich nicht die Einzige, die ziemlich überzeugt aus Frankfurt wiederkam: hier ein Beitrag zum gleichen Thema im Lohas-Lifestyle-Blog