Persönliches Streiflicht: Wieder nicht genug hingesehen
19. April 2012Gestern am frühen Abend. Auf dem Weg zur Wohnungstür hören wir plötzlich laute Stimmen im Treppenhaus über uns. Wörter kann man nicht verstehen, es sind offensichtlich junge Stimmen, ich meine, ein Kind zu hören und dann ist es still. “Da hat wohl eine der Familien über uns Stress”, denke ich, während Emma die Tür aufschliesst. Kurz vor dem Reingehen drehe ich mich noch einmal um. Von oben kommt ein Mann um die Kurve der Treppe und bleibt überrascht stehen, als er mich sieht. Ich schaue ihn an, sehe dann das grosse Postpaket, daß er unter dem Arm trägt. Schon wieder einer der vielen Paketboten, die regelmässig durch das große Mehrfamilienhaus laufen, denke ich und grüße ihn. Er antwortet und ich ziehe die Wohnungstür hinter mir zu.
- Eine sekundenkurze Alltagsbegegnung.
Eine Viertelstunde später der Anruf einer Nachbarin: Die 88jährige Dame 2 Stockwerke über mir, sei an der Haustür überfallen worden, ob ich 3 junge Männer gesehen hätte? Weder Emma noch mir fallen zunächst der Paketbote ein, wir beide hatten diese kurze Begegnung schon fast vergessen.
Und dann fragen wir doch nach und richtig: Das war der Mann, der sie mit dem grossen Paket unter dem Arm dazu gebracht hatte die Tür zu öffnen, die jungen Stimmen müssen die Männer gewesen sein, die dann plötzlich aus dem Fahrstuhl auftauchten und sie zu Boden warfen. Wir waren Ohrenzeugen gewesen, wie sie nach ihrem Raubzug die Wohnung verliessen und als ich meine Wohnungstür hinter mir schloss, machte ich ihnen den Weg frei, unbehelligt mit ihrer Beute zu verschwinden.
Und im Nachhinein merke ich erst, was ich unterbewusst registriert hatte, was aber bei dem müden Nachhause-Kommen nicht ausreichte, in mir den Alarm auszulösen. Das Bewusstsein, dass die Kinder der Familien oben viel jünger sind als die Stimmen, die wir hörten. Das kurze Erschrecken des Mannes als er mich sah. Die Tatsache, dass Paketboten nie mit einem Paket unterm Arm von oben wieder ins Erdgeschoss kommen, da sie hier im Haus immer bei Nachbarn abgegeben werden. Dass er keines dieser Geräte in der Hand hatte, auf die man immer mit einem untauglichen Stift eine unleserliche Unterschrift kritzelt und dass Paketboten der Post so spät am Nachmittag gar nicht mehr kommen…
Warum habe ich diese Puzzleteile eigentlich nicht richtig zusammengesetzt? Wie oft habe ich schon so übersehen, dass jemand eigentlich Hilfe gebraucht hätte?
Ps.: Nein, die alte Dame ist unverletzt. Sie hat “nur” einen Riesenschrecken und vermutlich viel Angst in Zukunft, wenn es an der Haustür klingelt.









Das Ergebnis ist ein fülliger Strahl der aus Millionen von Tröpfchen besteht, die mit hohem Druck herausgeschleudert werden.






