
“Faire Mode nicht so fair wie gedacht” titelte der Glocalist Mitte Dezember 2009 und bezog sich dabei auf eine Studie des Südwind Instituts, in der die Selbstauskünfte von 23 sozialen und ökologischen Modelabels miteinander verglichen werden. Und auch die Presseerklärung des Südwind Instituts selbst klingt wenig positiv:
Seit einigen Jahren schießen sozial-ökologische Modeanbieter wie Pilze aus dem Boden. Um Klarheit für Verbraucherinnen und Verbraucher zu schaffen, hat SÜDWIND eine Unternehmensbefragung durchgeführt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Mit wenigen Ausnahmen fallen die sozialen und ökologischen Anforderungen der meisten Anbieter hinter etablierte internationale Standards zurück.
Also betreiben all die kleinen Lables Greenwashing, sind gar nicht so fair und ökologisch wie sie behaupten?
Ein genauerer Blick in die Studie hinterlässt da Zweifel. Der Reihe nach:
Verglichen werden dort Unternehmen wie Hess Natur mit 55 Mio € Umsatz mit Nebenerwerbslabels wie Laissezfaire mit weniger als 5000 € Umsatz im Jahr. Die angelegten Kriterien sind für alle gleich, auch wenn später in der Studie selbst eingeräumt wird, dass kleine Unternehmen oft gar nicht die finanziellen Mittel haben, um sich wie gefordert an der Verbesserung der Öko- und Sozialstandards der Produzenten zu beteiligen oder die Kosten der Zertifizierung ganzer Fabriken zu übernehmen (S. 48). Die Forderung, dass die Händler die finanziellen Lasten der Kontrollen und Zertifizierungen tragen führt daher bei allen kleinen Labels zur Abwertung, selbst wenn diese an ihre Produzenten einen Aufpreis zahlen für Fairtrade oder GOTS zertifizierte Produkte und damit eben doch indirekt einen Teil der Kosten tragen.
Aber zu den zunächst einleuchten klingenden Kriterien im Einzelnen:
1. Nachweis der Einhaltung aller angegebenen Sozialstandards in gesamter Produktionskette
- Detaillierte Hinweise auf alle grundlegenden Sozialstandards in einem Kodex
- Geltung des Kodex in gesamter Produktionskette
Anmerkung: Bewertet wird hier recht formalistisch, auf welche ILO-Konventionen etc. auf der Webseite verwiesen wird. Richtig ist: mehr Transparenz wäre wünschenswert und auch klarere Stellungnahmen mancher Label, was sie unter sozial verträglich verstehen. Die Studie selbst ist da jedoch nicht stringent, bei den beiden Anbietern, die Produkte von Produzentenkooperativen vertreiben, wird darauf verzichtet, obwohl gerade wenn die ArbeiterInnen selbst das unternehmerische Risiko tragen, durchaus der Lohn mal nicht existenzsichernd sein kann und nicht auszuschliessen ist, dass die Kinder mal mit ran müssen, wenn der Auftrag fertigwerden muss…
Gerade kleine Unternehmen haben oft überhaupt keine Möglichkeit sicherzustellen, dass die gesamte Produktionskette fair und ökologisch funktioniert, welcher Lieferant von Reissverschlüsen lässt sich von einem in die Karten schauen, der bloss 100 Reissverschlüsse im Jahr kauft?
2. Externe Kontrolle (bei Öko-Standards) und unabhängige Verifizierung (bei Sozialstandards)
- Nachweis durch GOTS- und/oder IVN- Best-Zertifizierung oder direkte Überprüfung von Produktionsstätten durch akkreditierte Öko-Institute
- Mitgliedschaft in einer Multistakeholder- Initiative oder genossenschaftlich organisierte Produktionsstätte
Anmerkung:
Für uns nicht ganz nachvollziehbar: warum wird beispielsweise die Schweizer Remei AG hier abgewertet, obwohl ihre bioRe-Standards strenger sind als beispielsweise GOTS? Unseres Wissens nach werden die Produktionsbetriebe durch die bioinspecta überprüft und die sozialen Standards durch FLO Cert. Damit wird hier ein Unternehmen als wenig glaubwürdig eingestuft, das als Pionier der Biobaumwolle einen wesentlichen Beitrag zu deren Verbreitung geleistet hat und dafür diverse Preise erhielt, u.a. auch von der UNO (weitere Infos auf deren Presseseite).
Für mich ein weiterer Hauptknackpunkt der Studie ist die Abwertung, sobald der Händler nicht Mitglied einer Multistakeholder Initiative ist. Zur Erklärung: Multistakeholderintitiativen sind Einrichtungen zur Überwachung von Sozialstandards, an denen neben den Unternehmen auch Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und manchmal auch Regierungen beteiligt sind. Obwohl in der Auswertung selbst beschrieben wird, wie löchrig die Kontrollen durch Multistakeholderinitiativen noch sind (S. 55), führt die Nichtmitgliedschaft automatisch zur Abwertung. Die Alternative des SA 8000 Lables wird nicht für zulässig gehalten (mit dem Verweis, die Kontrolldichte sei löchrig
, eine Auseinandersetzung mit dem BSCI Label habe ich vergeblich gesucht in der Studie und im klassischen Fairtradebereich steht mit dem Siegel der FLO ebenfalls eine Alternative zur Verfügung…
3. Transparenz
- Regelmäßiger Nachhaltigkeitsbericht
- Ausführliche Informationen auf Webseite über gesamte Produktionskette [Nennung aller Länder und Produktionsstätten, aus denen Rohstoffe kommen und wo die Verarbeitung bis hin zur Konfektionierung und dem Finishing stattfindet, sowie ggf. über welche (Zwischen-)Händler die Produkte bezogen wurden]
Anmerkung: Ja, auch wir sind für mehr Transparenz und Überprüfbarkeit, aber regelmässiger Nachhaltigkeitsbericht bei einem Unternehmen, das noch nicht einmal 50.000 € Umsatz macht? Und dann noch am besten durch externe NGOs verifiziert?
Ausführliche Infos auf der Webseite: Auch hier gilt, dass mehr Transparenz wünschenswert wäre. Aber alle Produktionsstätten, wenn man als kleiner Fisch bei einem anerkannten Fairtradelieferanten einkauft? Wie war das noch gleich mit den Reissverschlüssen?
4. Finanzielle Hauptverantwortung
- Übernahme von Kosten für Kontrollen von Öko- und Sozialstandards sowie von Verbesserungsmaßnahmen
- Mehrpreis für zertifizierte Produkte (GOTS, IVN Best, kbA-Rohstoffe, fair gehandelt etc.)
Anmerkung: Innerhalb der Fairtradebewegung tragen oft die Produzenten die Kosten für die Zertifizierung ihrer Produkte/Produktionsweise. (vgl. die Standards der FLO und auch der WFTO), die Produzenten werden dafür entschädigt, indem ihnen die Händler einen höheren als den Marktpreis zahlen. Dies erscheint gerade für kleinere Händler eine viel praktikablere Lösung, da häufig nicht nur ein Händler bei einem Produzenten einkauft und der ökonom. Anreiz zur Zertifizierng beim Produzenten liegt. Bei grossen Händlern überwiegt das Interesse konzernweit die gleichen Standards bei allen Anbietern durchzusetzen und da macht es schlicht Sinn, dem Händler auch die Kosten für die Überprüfung der Standards aufzubürden. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen…
Daher: ist es fair alle diejenigen abzuwerten, die die Kosten nur indirekt über einen höheren Preis zahlen?
5. Fair gehandelte Rohstoffe
- Min. 90% der Produkte sind fair gehandelt bzw. aus fair gehandelter Baumwolle
6. Kontrolliert biologische (kbA/kbT) Rohstoffe
- Min. zwei Drittel der genutzten Baumwolle sind kontrolliert biologisch angebaut
7. Möglichst geringe Belastungen durch Chemikalien
- Min. zwei Drittel aller Produkte haben GOTS- oder IVN-Best-Siegel
Anmerkung: nicht alle der angesprochenen Firmen sind überhaupt mit dem Anspruch unterwegs bio und fair auftreten zu wollen (z.B. Primel und Hess Natur). Sie werden daher mit einer Meslatte gemessen, die gar nicht die eigene ist…
Fazit: Auch uns ist es ein Anliegen, dass diejenigen, die von sich behaupten besonders fair, sozial oder ökologisch zu handeln sich an ihren Zielen messen lassen. Aber das kann nur gerecht enden, wenn man die verschiedenen Ausgangslagen im Auge hat, berücksichtigt, dass da längst nicht alle mit gleichlangen Spiessen kämpfen und das es unterschiedliche Wege zu dem Ziel gibt in der Bekleidungsindustrie die Verhältnisse zum Positiven zu wenden….
Und trotz der Kritik an der Studie ist sie ein Ansporn: wir werden unsere Faircustomer-Händler noch einmal wieder darum bitten wo es ihnen möglich ist sich zertifizieren zu lassen, Mitglied in Vereinigungen wie Swissfairtrade oder der WFTO zu werden, bei der Fairtradeproduktion immer wieder neu auch ökolog. Kriterien einfliessen zu lassen und Kunden ehrliche Auskunft zu geben über das Erreichte und die Ziele…
Aber man muss akzeptieren, dass ein Weg aus vielen kleinen Schritten besteht und niemanden abstrafen, weil er nicht beim Start schon am Ziel ist.
Und so richtig am Ziel sind wir ohnehin erst, wenn in die EU einfach nichts mehr importiert werden darf, dass nicht ökosozialen Mindeststandards entspricht. Bei Sicherheits- und TÜV-Standards schaffen wir das doch auch, warum nicht auch bei den Produktionsbedingungen? Aber das ist ein anderes Thema, mehr dazu in dem empfehlenswerten Buch von Zervas “Global Fairtrade, Transparenz im Welthandel”
Anmerkung: eine kurze Diskussion einiger Labels, die in der Studie angesprochen wurden findet man hier
Und bei der Journalistin Kirsten Brodde auch eine Diskussion mit dem Autoren der Studie
Update 4.1.10: In den Niederlanden haben sich aus ähnlichen Gründen kleinere Modelabel zu Clean Unique zusammengeschlossen und sind kollektiv der Fair Wear Foundation beigetreten. Allerdings ist ein Jahresumsatz von 250´000 € Voraussetzung, dafür muss man schon im Geschäft sein….